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Oliver Neumann im Interview. Er berät seit 17 Jahren Ärzte, die sich niederlassen, ihre Praxis entwickeln oder abgeben
wollen. Eine eigene Praxis bietet auch heute noch viele Möglichkeiten, sagt er – auch auf dem Land.

Herr Neumann, Sie beraten schon lange Ärzte bei der Niederlassung.
Jetzt haben Sie ein Forum organisiert, das die Niederlassung und
eigene Praxis in den Fokus stellt. Warum?

Es geht darum, Lust auf die Niederlassung auch in unterversorgten Gebieten wie im ländlichen Raum zu machen. Da fehlen heute Mediziner.Die Motivation für das Projekt Businessdoc und das Forum liegt bei mir im Persönlichen: Eines meiner Kinder ist an Typ-I-Diabetes erkrankt. Bei einem Notfall war zum Glück der Weg zum Arzt nicht zu weit. In ländlichen Gebieten hätte das anders ausgehen können. Da ist mir bewusst geworden: Solche unterversorgten Gebiete dürften wir in einem Land wie Deutschland nicht haben. Die Mission ist also, mehr Ärzte in die eigene Praxis auch gerade auf dem Land zu bekommen.

Gerade bei jungen Ärzten steht die eigene Praxis allerdings nicht allzu hoch im Kurs, viele lassen sich
lieber anstellen.
Das stimmt. Da spielt es meines Erachtens eine große Rolle, dass das Unternehmerische im Studium keine
Rolle spielt. Wie soll ich mich für etwas entscheiden, das ich nicht kenne? Dabei bietet die Niederlassung viele
Möglichkeiten, auch was die Life-Work-Balance angeht. Ich will wegen der Familie in Teilzeit arbeiten? Da wäre
eine geteilte Zulassung doch genau das richtige. In der eigenen Praxis können Sie sehr viel gestalten, eigene
Schwerpunkte setzen und sich auf das konzentrieren, was zu Ihnen passt.
Zahnärzte sind übrigens mehr Unternehmer. Das liegt unter anderem an der anderen Konkurrenzsituation, weil
es für sie keine Zulassungsbeschränkung mehr gibt. Unternehmerische Themen haben da schon früh einen
anderen Stellenwert. Auch den Humanmedizinern müssten bereits im Studium mehr Möglichkeiten geboten
werden, sich mit solchen Fragen auseinander zu setzen. Allein die Mitarbeiterbetreuung: Wo soll der Arzt das
gelernt haben? Da gibt es Nachholbedarf in der Ausbildung.
Die Uni Witten-Herdecke z.B. bietet da schon mehr – mit Erfolg. Denn nur wenn ich mich mit dem Thema
auseinandergesetzt habe, kann ich die Entscheidung treffen, ob das das richtige für mich ist.
Auch die Politik könnte einiges tun, um mehr Ärzte in die eigene Praxis zu bekommen.

Und zwar?
Allein der formelle Prozess der Niederlassung schreckt viele Ärzte ab. Er ist bürokratisch, dauert lange und ist
durch die gesetzlichen Regelungen im Ausgang ungewiss. Für viele ist das eine große Hürde, auch wenn es
vielleicht im Nachhinein gut ausgeht. Das sollte man unbedingt einfacher gestalten und verschlanken.

Generell beklagen die Niedergelassenen das Zuviel an Bürokratie.
Das stimmt. Wenn ich frage: Wovor habt ihr Angst?, dann höre ich oft: „die Verwaltung und Bürokratie“. In der
Schweiz zum Beispiel gibt es Modelle, wo die Verwaltung komplett ausgelagert wird. So etwas wäre zum
Beispiel eine riesige Erleichterung.
Aber auch in der Praxis könnte der Arzt mehr Aufgaben abgeben – Heim- und Hausbesuche zum Beispiel. In
unterversorgten Gebieten könnten die Physicians Assistants eine Alternative sein.

Gerade die Physicians Assistants werden aber von vielen Ärzten eher kritisch gesehen.
Der Arzt hat Sorge, etwas abzugeben. Dabei sollte er bewusst etwas abgeben, um Zeit für die Patienten zu
haben, die ihn gerade wirklich brauchen. Werte abfragen, Medikamenteneinnahme kontrollieren, Blutdruck
messen: All sowas kann doch auch ein Physicians Assistant übernehmen. Klar ist dabei natürlich: Wenn der
Patient den Arzt braucht, muss der da sein.
Auch bei der Digitalisierung sollten die Ärzte mehr die Chancen sehen. Es gibt heute viele tolle Möglichkeiten.
Einige davon wollen wir bei dem Forum vorstellen.

Von der Bürokratie abgesehen, was hält Ihrer Erfahrung nach Ärzte von der Niederlassung ab?
Der Arzt hat Angst vorm Scheitern. Er hat im Studium und in der Weiterbildung gelernt: Als Arzt darf ich keine
Fehler machen. Als Unternehmer Fehler zu machen, ist aber ganz normal. Das muss man dem Arzt vermitteln.
Auch die Angst vor den finanziellen Aspekten halte ich für unbegründet. Dass jemand mit der Praxis finanziell
scheitert, ist in unserem System mit Zulassungssperren eigentlich nicht möglich. Ich habe es noch nie in meiner
Zeit als Berater erlebt, dass ein Arzt am System Praxis scheitert. Das lag immer am Privaten.

Wenn die Ärzte die Niederlassung scheuen, wären dann nicht MVZ oder sogar Polikliniken die Lösung,
wie sie von einigen Teilen der Politik vorgeschlagen werden?
Auch das Angestelltendasein ist wichtig, klar. Es kann ja nicht nur Unternehmer geben. Das ist auch eine Frage
des Mindsets. Wir brauchen meiner Meinung nach aber auf jeden Fall weiterhin den Arzt aus Leidenschaft in
eigener Praxis.
Ich erlebe im übrigen immer öfter, dass die Ärzte sich nicht deswegen niederlassen wollen, weil sie unbedingt
eine eigene Praxis haben wollen. Sondern sie laufen weg vom Krankenhaus und den Arbeitsbedingungen dort.
Auch in den Kliniken müssen sich die Arbeitsbedingungen dringend verbessern. Denn wir brauchen auch Ärzte
in MVZ und in Kliniken. Und die müssen vor allem alle vernünftig bezahlt werden.

Weitere Infos
Oliver Neumann ist seit über 17 Jahren in der Beratung von Ärzten tätig. Er begleitet die Niederlassung,
Führung und Abgabe von Praxen und beschäftigt sich mit Kooperationsformen und Ärztlichen
Gemeinschaften. Das von ihm gegründete Projekt „Businessdoc – Arzt als Unternehmer“ soll verstärkt auf das
Thema Unterversorgung aufmerksam machen. In seinem Businessdoc-Podcast interviewt er unterschiedliche
Gäste aus dem Gesundheitsmarkt.
Auf dem Dortmunder Forum „Startup Praxis“ sprechen, zwölf Referenten über Themen
wie Digitalisierung, moderne Praxisführung, Personalentwicklung, neue Berufsbilder für den Ärzte, Trends
des Gesundheitsmarktes sowie Businessthemen.

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